![]() |
|
|
„Sag mal, wie findest du den Werner?“ „Ganz in Ordnung, warum?“ „Nur so.“ Ich merkte, wie meine Wangen heiß wurden, wie immer, wenn ich nicht die Wahrheit sagte. Hoffentlich bekam Marlis nichts mit. Aber da sah sie mich schon so komisch von der Seite an: „Haste dich in ihn verknallt?“ „Nein!“ Eine Spur zu schnell und zu laut. Mein Gesicht glühte. Mist! Sie lachte. Nach einer Weile, während der wir schweigend den Heimweg von der Schule fortsetzten, fragte ich doch, denn schließlich war Marlis meine beste Freundin: „Würdest du denn mit ihm gehen?“ „Nee, da müßte schon ein anderer kommen.“ Es klang ein bißchen verächtlich, so kannte ich sie gar nicht. „Du vielleicht schon, was?“ fügte sie hinzu. „Ich hab doch gesagt, daß ich nicht verknallt bin.“ Ende. Aus. Neues Thema, bitte! ..... Mein bester Freund strahlte, als sei ihm soeben der Heilige Geist erschienen. Seine Augen glänzten. Ungeduldig bugsierte er den altertümlichen Tonabnehmer zurück. Die Nadel knisterte. Und schon ging's wieder los: „She loves you, yeah, yeah, yeah!“ Mein lieber Scholli, das klang ganz und gar nicht wie Begrabt mein Herz in der Prärie und Hafenlicht! Dieses „Yeah, yeah, yeah“ war der reinste Stromstoß. Da vibrierte pure Energie – so völlig anders als die lethargische, vornehm gedämpfte Untergangsstimmung, die uns umgab. Im sicheren Gefühl, daß Berlin demnächst von sowjetischen oder amerikanischen Atombomben eingeäschert würde, wirkte der ansteckende Optimismus dieser Schallplatte geradezu obszön. Der Orkan aus Übermut, guter Laune und unbändiger Lebensfreude verursachte in meinem Epizentrum ein wohliges Beben. Die Polkappen schmolzen im warmen Regen des Schlagzeugs und tränkten die Seele mit Zuversicht. Plötzlich sendete der Große Regisseur in Technicolor. Welch ein Feuerwerk! Nun lag es an den Menschen, all die Farben einzufangen, um daraus ein Lächeln zu machen. Seit dem ersten Vogelzwitschern lag sie wach und wartete. Die Dämmerung war in helles Morgenlicht übergegangen. Jetzt konnte es nicht mehr lange dauern. In ihrem Magen kribbelte es, wie wenn sie auf der Schaukel saß und Papa sie hoch in die Luft fliegen ließ. Endlich, endlich würde sie es bekommen, würde belohnt für ihre Tapferkeit! Leni kuschelte sich in die Bettdecke und stellte es sich vor: Das schönste, beste, tollste, wunderbarste Geschenk ihres Lebens. Ersehnt wie nie etwas zuvor. Was waren dagegen der Tretroller vom vorigen Jahr oder die Puppe von Weihnachten, die „Mama“ sagen konnte? Dabei hatte sie beinah nicht mehr daran geglaubt. Wochen, nein Monate lag sie den Eltern mit ihrem Wunsch in den Ohren. Immer und immer wieder, so dass die schon die Augen verdrehten, sobald Leni das Wort Geburtstag in den Mund nahm. Jedes Mal die gleiche Antwort: Nein, das geht nicht. Es sei zu teuer, sie könnten es nicht bezahlen. Lenis Beteuerungen, sie würde auf ihre wöchentlichen fünfzig Pfennig Taschengeld verzichten und außerdem überhaupt nichts anderes geschenkt haben wollen, auch die nächsten hundert Jahre nicht, zeigten keine Wirkung. Außer Papas Kopfschütteln. Und das war ernst zu nehmen. Also versuchte sie, Mama zu erweichen: „Ich helfe dir jeden Tag beim Abwasch und feg die Küche - bis in alle Ewigkeit.“ Mama lachte kurz auf, sah aber dann irgendwie traurig aus. „Schau mal, wir haben doch auch gar keinen Platz“, sagte sie und schälte weiter Kartoffeln. Das leuchtete selbst Leni ein. Romeo und Julia waren, Dieses Gedicht und weitere aus der Feder von Holger Dittmann sind u. a. zu finden in: “Wortbeben - Komische Gedichte”, Lerato-Verlag. ......... Katrin schaute auf die alte Standuhr in der Ecke, deren Pendel beruhigend hin und her schwang. Zwanzig Minuten Verspätung. Des Barons von Münchhausen wundersames Abenteuer in den Rebstöcken Meine Herren, da wir noch Zeit haben, einige frische Flaschen zu leeren, so will ich Ihnen eine höchst seltsame Begebenheit erzählen, die mir erst vor wenigen Monaten widerfahren. Nachdem mich der Großfürst von Lothringen, wo das Wort eines wahrheitsliebenden Mannes noch etwas gilt, in Ehren aus seinen Diensten entlassen und mit einigen prachtvollen Rebhühnern entlohnet, die freilich ebenso lebendig waren wie Sie, trat ich alsbald meine Rückreise im Einspänner an. Das Federvieh trachtete ich für die Begründung einer Zucht auf dem heimischen Gute zu verwenden. Unterwegs aber traf es sich, daß ich mich einer Einladung ins Württembergische entsann, der ich nunmehr Folge zu leisten gedachte, sintemalen der Sauser des Grafen von Heilbronn landauf, landab gerühmet und wohl nirgendwo auf der Welt seinesgleichen findet. So erreichte ich denn gegen Abend den Landsitz des alten Freundes, an dessen Seite ich so manchen Strauß ausgefochten. Doch wie verwundert war ich, ihn sorgenvoll und gramgebeugt anzutreffen. Als wir ausgiebig getafelt und nicht nur der Meerschaumpfeife, sondern auch einigen Bouteillen kräftig zugesprochen, vertraute er mir die Ursache seines Kummers an. Die einst so üppigen Weinstöcke, der Stolz seines Geschlechts, die bekanntlich im Rufe stehen, daß sich unter dem Eindruck ihres Wohlgeruchs selbst Musketenkugeln verirren und berauschet herniedersinken, hatte er nach der Rückkehr aus Übersee von einem unbekannten Getier verwüstet gefunden, dessen man trotz regelmäßiger Nachtwachen nicht habhaft werden konnte. Niemand wird sich die Verzweiflung des Grafen besser ausmalen können als Sie, meine Herren, die Sie einen guten Tropfen ebensowenig verschmähen wie ich. Ich versprach, alsbald auf Abhülfe zu sinnen, und ritt denn auch anderntags an der Seite des Unglücklichen aus, um die Pflanzungen, welche nach der althergebrachten Kunst am Berghange in lieblichen Terrassen aufgereihet, zu begutachten. Fürwahr bot sich mir ein Bild des Jammers, denn das kostbare Grün ward bereits zur Hälfte vernichtet, und ich hätte gewißlich einen weinseligen Bären als Verursacher des Übels in Verdacht genommen, allein es fehlten jegliche Spuren. Es war September und das Laub der Kastanien, die den Reiterhof in Gelsenkirchen-Resse umgaben, zeigte den ersten rötlichen Schimmer. Ich, Mitte Zwanzig, hatte gerade eine schlimme Zeit hinter mir. Nach nur einem Jahr war meine Ehe in die Brüche gegangen. Aber nun hatte ich mir Knall auf Fall einen lang gehegten Wunsch erfüllt: Ein Pferd. Fuchsrot war es; eine Stute mit Namen Anika. Etwas für die Seele und eine Aufgabe. Etwas, worüber man den Kummer vergaß. ...... Denn so ist der Mai: Junge Blätter entrollen sich über ihren verwelkten Ahnen, Kastanienbäume stellen ihre Blüten auf, die Luft ist voller Verheißung; im verspielten Rheinsberg, im soldatischen Potsdam ebenso wie im charmanten Wien. Man weiß, daß Friedrichs österreichische Gegenspielerin Maria Theresia in der Hofburg residierte. Nur wenige U-Bahn-Stationen trennen das berühmte Bauwerk von Margits Behausung in der Wassergasse, nahe dem Donaukanal. Wer sich behaglich am Ufer niederläßt, beschattet die Augen gegen das Funkeln des Flusses, geblendet von der verschwenderischen Pracht einer Natur, die ihre Kinder entläßt, Abertausende neue Kreaturen auf ihre Bahn wirft, jede einzelne voll unbändigen Lebenshungers, jede einzelne berstend vor Ungeduld, ihrer Bestimmung gewiß - und dennoch werden so viele scheitern. Noch aber tanzen sie unbeschwert im sonnigen Wind, bunte Schmetterlinge, denn eine barmherzige Natur hat ihnen versagt, ihr Schicksal zu erahnen, und hält ihnen sanft die Augen zu. Manchmal ist es ein Song aus dem Radio, manchmal nur die Sonnenwärme auf meiner Haut. Dann ist er auf einmal wieder da, jener Sommer. Jener Sommer, in dem ich siebzehn war und abends so oft am Fenster stand, um von dem Jungen auf dem weißen Pferd zu träumen. Kleine Zeitreise? Okay, du hast es so gewollt! Da stehst du also vor dem Jugendheim Halemweg. Die Luft riecht nach Schnee, und dein Atem verwirbelt im fahlen Licht. Peitschenmasten gießen Neon auf parkende Wagen: Opel Rekord, VW-Käfer, Ford 20 M: waschanlagengepflegte Statussymbole. Der Flachbau duckt sich vor der Kirche "Sühne Christi", einem Entwurf aus den frühen Sechzigern mit separatem Glockenturm. Die umstehenden Wohnblöcke, nur um weniges älter, sehen einander zum Verwechseln ähnlich. Selbst die Rasenflächen scheinen identisch. Gleiche Gehwegplatten zwischen gleichen Hecken, erhellt von gleichen Laternen, führen zu gleichen Haustüren; gleiche Treppenaufgänge erschließen gleiche Wohnungen, in denen gleiche Menschen just in diesem Augenblick das gleiche Fernsehprogramm verfolgen: die "Rudi-Carell-Show". Ja, schau nur auf die hinterleuchteten Fenster! Jedesmal, wenn du hier bist, fühlst du dich an ein Aquarium voller fremdartiger Wesen erinnert. Ihr Anblick ängstigt dich. Du willst nicht werden wie all diese gleichen Leute, die den gleichen Beruf bei Siemens ausüben; aber eine Alternative für deine Zukunft kennst du erst recht nicht. Etwas ist anders. Noch bevor ich unseren Treffpunkt erreiche, spüre ich es und bleibe stehen. Die Straße ist leer, es dämmert. Hinter dem Fenster, im gelben Licht der Küchenlampe, sehe ich Sissis Menschen, höre ihre Stimmen und Geräusche, die zu ihrem Essensritual gehören: Tellerklappern, die zufallende Kühlschranktür. Wenn Sie wissen möchtet, wie es weiter geht: “Vollmond” ist in der Tiergeschichten-Anthologie “Wer hat hier das Sagen” im Gipfelbuch-Verlag erschienen. Zu bestellen hier. Verliebt dreht sich die männliche Tussi vor dem Spiegel. Ist sie nicht anbetungswürdig? Nach Piratenart hat sie ein Halstuch um den Kopf geschlungen. Ihre Kleidung ist erlesen, ihre Bräune makellos, ihr Parfum raumgreifend. Sie wirft einen langen, zärtlichen Blick auf ihren Body. Ihn, den sie liebt wie keinen zweiten, stählt sie viermal wöchentlich im Fitneßstudio. Sie gibt ihm alles, wonach er verlangt, von den teuersten Cremes bis hin zum kostbarsten Kettchen, denn sie ist seiner Anziehungskraft hoffnungslos erlegen. Zwar demonstrieren ganze Kerle wie sie für gewöhnlich unerbittliche Härte gegen sich selbst, und das sogar bei den gefürchteten Haut- Irritationen, doch diese eine kleine Schwäche verzeiht sie sich gern. Die geballte Schönheit ihres Spiegelbilds macht sie immer wieder willenlos. Jeden Wunsch liest sie ihm von den Augen ab. Zu überwältigend ist der Stolz auf eine Figur, die, wie sie findet, alle anderen Tussis vor Neid erblassen lassen müßte. Der Anblick verzückt sie jeden Morgen aufs neue. Sie kann sich nicht daran sattsehen. Und so gönnt sie ihrem Köper das Beste, das sich irgend finden läßt: Die teuerste Markenbekleidung ist gerade gut genug für dieses herrliche Ebenbild Apolls, nicht zu vergessen die italienischen Schuhe; exquisite Lotionen, Aftershaves und Herrendüfte sind der für jedermann sichtbare Ausdruck seines unermeßlichen Werts, der die männliche Tussi in ihren Augen so einzigartig macht. Ist es nicht ganz natürlich, daß sie ihn mit kostbarem Schmuck behängt? Ihr Schritt ist wiegend und prahlerisch. Breitbeinig kommt sie dahergestelzt, kurze, formelhafte Floskeln auf den Lippen, die im Konzert der Männlichkeit nichts anderes sind als ritualisierte Erkennungsmelodien aus der vieltausendjährigen Opernwelt maskulinen Imponiergehabes. Sie indes hält sie für erlesene Eigenkompositionen allererster Güte, für ganz besonders originelle Refrains. Virtuos beherrscht sie die Klaviatur der virilen Rituale: Sie verträgt Unmengen von Alkohol, kennt sämtliche Fußballergebnisse, war schon überall, hat längst aufgehört, ihre Eroberungen zu zählen, und kann hervorragend bowlen; sie verabscheut das Alter und die Hilfsbedürftigkeit. Nur im Fitneß- Center genügen die Spiegel ihrem Alabasterkörper so einigermaßen, findet sie. Argwöhnisch und mißmutig beobachtet sie die anderen Tussis beim Pumpen. Ist unter ihnen etwa eine mit einer besseren Figur? Eine, die womöglich mehr Situps schafft als sie selbst? Eine, die muskulöser ist? “Was hat sie, das ich nicht habe?” fragt sie dann. Doch die Antwort gibt sie sich gleich selbst: Sie ist sich völlig sicher, daß das Aussehen des Nebenmannes wohl eher auf Chemie denn auf Trainingsfleiß zurückzuführen ist. Nur zu gerne wüßte sie den Namen des Präparats! Aber männliche Tussis geben ihre Tricks nicht preis - am allerwenigsten einer Konkurrentin. Wenn sie einander begegnen, reden sie nur das Allernotwendigste - nämlich, welch strahlende Helden sie sind. Zwar bewegt sich die männliche Tussi kaum weiter als von der Maniküre zum Peeling, vom Bräunungsstudio zur Kegelbahn, doch ihre Armbanduhr ist optimiert für zwanzigtausend Meter Flughöhe und den Gebrauch in der Tiefsee. Dieser exklusive Chronometer deutet den Spielraum ihrer Möglichkeiten an, den ganzen unermeßlichen Konjunktiv ihrer Existenz. Für jedermann ist ersichtlich: Sollte jemals ein Stratospährenflug anstehen und sollte man dabei auf eine Tussi zurückgreifen müssen, so ist jedenfalls sie es, die bereits die richtige Uhr trägt!
|